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Dieter Sattler - Architekt, Staatssekretär und Botschafter

Das Anwesen in Grendach oberhalb Mauerhams ist seit Anfang der dreißiger Jahre im Besitz der Familie Sattler. Erworben wurde es damals von dem Architekten Dieter Sattler, der danach eine erstaunliche politische und diplomatische Karriere absolvierte. Unter anderem war er bayerischer Staatssekretär und Botschafter der Bundesrepublik im Vatikan.

 

Entscheidend für die Entwicklung Dieter Sattlers waren seine Herkunft aus einer Künstlerfamilie und die daraus resultierenden kulturellen Einflüße und Kontakte. Später kamen die Hinwendung zu einer christlich geprägten Weltanschauung und die Ablehnung des Nationalsozialismus hinzu. Geboren wurde Dieter Sattler am 2. Februar 1906 als zweites von vier Kindern der Eltern Carlo und Eva Sattler, geborene Hildebrand in München. Zwischen den Familien Sattler und Hildebrand bestanden schon seit der Revolutionszeit um 1848 enge Beziehungen, und beide brachten künstlerische Einflüße mit. Der Großvater Adolf Hildebrand pflegte persönliche Kontakte etwa zu Kronprinz Rupprecht, Wilhelm Furtwängler, Cosima Wagner oder Ferdinand von Miller und auf den Kontakten und Bekanntschaften im Haus des Großvaters baute sein Enkel Dieter weiter auf. Der Vater, Carlo, war wie der Großvater und später der Sohn Architekt. Er arbeitete unter anderem beim Erbauer des Berliner Reichstages, Paul Wallot und war ansonsten deutschlandweit, aber auch in Italien und der Schweiz tätig.

 

Einen Teil seiner Kindheit verbrachte Dieter Sattler in Florenz, wo beide Eltern geboren waren und die Großeltern ein Haus besaßen. Später wurden diese jährlichen, mehrmonatigen Aufenthalte in der Toskana vor 1914 mitentscheidend für den Kauf des Anwesens in Grendach, weil der Blick über das Hügelland der Voralpen an die dortige Landschaft erinnerte. Von 1915 bis 1924 besuchte Dieter Sattler das Wilhelmsgymnasium in München. Von 1924 bis 1929 studierte er Architektur, 1931 promovierte er mit einem Thema über seinen Großvater Adolf von Hildebrand. In die Schulzeit fiel 1921 die Trennung der Eltern. Die Kinder blieben bei der Mutter, deren Hinwendung zum Katholizismus ein Trennungsgrund gewesen war. Der Sohn Dieter selbst wurde allerdings erst 1932  unter dem Einfluß seiner späteren Frau und seines Onkels Dietrich von Hildebrand, bis 1933 Professor fürReligionsphilosophie in München, katholisch. Dieser Onkel war nicht nur in religiöser Hinsicht prägend, sondern auch in Bezug auf seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, er emigrierte 1933 zunächst nach Wien, 1938 dann nach New York.

 

Bei einer der theologischen Gesprächsrunden, die sein Onkel abhielt, lernte er die aus einer Düsseldorfer Textilhändlerfamilie stammende Maria Clara Schiedges kennen. Die Beiden heirateten am 19.Mai 1933 in Salzburg. 1933 zog die junge Familie nach Berlin, wo Dieter Sattler sich habilitieren wollte. Aus einer wissenschaftlichen Karriere wurde allerdings aufgrund des Machtwechsels nichts mehr, der betreuende Professor verlor wegen seiner jüdischen Abstammung die Lehrbefugnis und anderweitig wollte er sich unter den damaligen Umständen nicht orientieren. Neben Architekturtätigkeit, seinen wissenschaftlichen Interessen und weiteren Studien verfolgte er zu der Zeit immer auch andere Tätigkeiten, er betreute zum Beispiel den weltberühmten Pianisten Vladimir Horowitz auf seinen Konzwrtreisen. Die Auslandsaufenthalte und die erworbenen nahezu perfekten Kenntnisse der englischen, französischen und italienischen Sprache waren für seine spätere Karriere hilfreich. Während der NS-Zeit stand er dem Regime zwar ablehnend gegenüber und hatte aus seiner inzwischen konservativ-katholischen Grundhaltung heraus auch lose Verbindungen zu christlichen NS-Gegnern, dem aktiven Widerstand gehörte er aber nie an. Dies entsprach seiner bis nach dem Krieg anhaltenden politischen Distanziertheit, der praktischen Politik wandte er sich erst nach den Eindrücken  der NS-Zeit zu. Der Rückzug nach Grendach, das er 1932 kaufte, entsprach dieser Einstellung und auch als freier Architekt war er zu dieser Zeit nur eingeschränkt tätig. Während des Krieges hatte er das Glück, nach acht Monaten in Frankreich verbrachter Wehrmachtszeit im Dezember 1940 alsberuflich unabkömmlich zunächst an einem Notbauprogramm für Linz mitarbeiten zu können. Er blieb so den größeren Teil der Kriegszeit in der Nähe der Familie, die ab 1943, als die Münchner Wohnung ausgebombt wurde, ganz in Grendach war.

 

1945, als die US-Streitkräfte unbelastete deutsche Fachleute für den Aufbau der Zivilverwaltung suchten, wurde Dieter Sattler mit der Wiederherstellung der Parteibauten am Münchner Königsplatz beauftragt. Dies war der erste Schritt für die spätere politische Karriere, weil er den Amerikanern aufgrund seiner Einstellung und Kenntnis positiv auffiel und so unter anderem beim späteren Ministerpräsidenten Hans Ehard lobend erwähnt wurde. Da es nach dem Erlebten "nicht angeht, dass der Künstler sich nach wie vor von der Politik fernhält und lediglich Kritik übt", engagierte er sich ab jetzt gesellschaftlich und politisch. Er lieferte Beiträge zur Gestaltung des Münchner Wiederaufbaus, war Mitglied im städtischen Wohnungsausschuß, initiierte den "Vorläufigen Kunstausschuß der Stadt München" mit und gründete den "Berufsverband für Architekten und Bauingenieure", dessen erster Vorsitzender er wurde. 1946 trat er in die CSU ein, tat sich aber nicht als Parteipolitiker hervor, sondern hielt sich selbst als Mitglied des Landesvorstands zwischen 1947 und 1951 im Hintergrund. Dies war einer der Gründe, warum auch Franz Josef Strauß als Vertreter des "Müller-Flügels" in der CSU "hundertprozentig" zustimmte, daß Dieter Sattler Staatssekretär unter dem - den anderen Parteiflügel repräsentierenden - Kultusminister Alois Hundhammer wurde. Sattler selbst, der lieber praktisch arbeitete, war gar nicht sonderlich bestrebt, dieses Amt zu erhalten, aber er brachte die Voraussetzungen "Südbayer, Katholik, Angehöriger der CSU, unbelastet, verhältnismäßig jung sein und englisch können" mit. Als "Staatssekretär für die Schönen Künste" war er damit mit 41 Jahren Ministerstellvertreter mit Sitz und Stimme in der Staatsregierung. In seine Amtszeit zwischen Februar 1947 und Januar 1951 fielen die Einrichtung des Zentralinstitutes für Kunstgeschichte, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und des Instituts für Zeitgeschichte oder die Berufung Romano Guardinis an den für ihn eingerichteten Lehrstuhl.

 

Aus verfassungsrechtlichen Gründen wurde 1951 der von Sattler besetzte zweite Staatssekretärsposten im Kultusministerium aufgelöst und er schied mit Alois Hundhammer aus der Staatsregierung aus. Seine erworbenen Fähigkeiten konnte er aber weiter beruflich nutzen. 1952 wechselte er als Kulturattache´ an der deutschen Botschaft in Rom in den diplomatischen Dienst. 1959 wurde er für sieben 7 Jahre als Leiter der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt Ministerialdirektor in Bonn. In dieser Zeit war er für die Einrichtung des kulturpolitischen Beirats und den Ausbau des Goethe-Instituts verantwortlich. Als Abschluß seiner beruflichen Laufbahn wurde er 1966 zum Botschafter der Bundesrepublik beim Vatikan berufen, ein Posten, für den er aufgrund deiner Biographie die "Idealbesetzung" war. Diese Aufgabe konnte er allerdings nur noch zwei Jahre ausüben. Am 9.November 1968 starb Dieter Sattler im Alter von erst 62 Jahren an den Folgen einer Nervenentzündung in Rom. Seine persönliche und berufliche Bedeutung läßt sich vielleicht aus Nachrufen in der Süddeutschen Zeitung, der Welt und der FAZ ersehen. Seine Frau Clara starb 1973, ebenfalls erst 63 Jahre alt, in München. In Taching am See begraben (an der Südostseite der Kirche) ist als einziges Familienmitglied die Schwiegermutter Fanny Schiedges, die sich auch am meisten in Grendach aufgehalten hatte.

 

In Grendach hielt sich die Familie Sattler vorrangig in der Zeit vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg auf. 1932 wurde das Anwesen gekauft und der ehemalige Kuhstall in ein Wohnhaus umgebaut. Mit der hiesigen Gegend war er zu dieser Zeit schon bekannt, weil sein Bruder Bernhard als Maler in Tittmoning wohnte. Welche Bedeutung eine für uns so alltägliche Baumaßnahme in der damaligen gar nicht so guten alten Zeit hatte, ist aus einem Artikel des Traunsteiner Tagblattes aus dem Jahr 1933 ersichtlich.

 

Taching am See. Richtfestfeier in Grendach:
Eine große Anzahl von Handwerksmeistern und ihren Arbeitnehmern hat sich auf Einladung der Familie Schiedges zu einer würdigen Richtfestfeier in der neuen festlich geschmückten Wohnhalle versammelt. Herr Architekt und Dipl.-Ing. Dr. Sattler sprach in markigen, mit Humor gewürzten Worten seinen Dank aus für die geleisteten Arbeiten, er gedachte dabei aller, welche an den umfangreichen Umbauarbeiten beschäftigt waren. Der Gemeinde Taching kann nur gratuliert werden, daß diese eine solche gute Familie in den Besitz des Grendachanwesens bekommen hat, denn schon im heurigen Frühjahr hat sie die Gemeinde von Arbeitslosen frei bekommen, was in der weiten Umgebung nicht vorgekommen ist, wofür ihnen auch aufrichtiger Dank gezollt werden muß. Wir wünschen der Familie Schiedges von Herzen, daß sie frohe und ungetrübte Stunden in ihrem neu umgebauten Anwesen verbringen möge. Nur schade, daß solche hochherzige Leute nicht mehr in unsere Gegend kommen, da sie in jeder Beziehung nur auf das Wohl der Mitmenschen bedacht sind und alle wünschen wir ihnen Glück und Segen in ihrem neuen Heim.
Traunsteiner Tagblatt, 26.8.33

 

Zwischen 1942 und 1950 war die Familie ganz in Grendach, fünf von sechs Kindern gingen hier zur Volksschule. Architektonisch war Dieter Sattler in unserer Gegend nicht sonderlich tätig, gebaut hat er ein Haus in Tengling, das Haus des Dirigenten Eugen Jochum in Wolkersdorf und die Kapelle auf dem Burghügel in Tettelham,gestiftet vom Hofbauer als Dank dafür, daß sein Hof beim Absturz eines englischen Fliegers verschont blieb. Auch einige "lokalpolitische" Aktivitäten zeigten Wirkung. Ein großes Anliegen war ihm der Erhalt und die Wiederanpflanzung der Pappelallee zwischen Taching und Tettenhausen, von Grendach aus gesehen eine markante Landschaftslinie. Und auch bei der Auswahl des ersten Tachinger Bürgermeisters nach dem Krieg spielte er eine Rolle, weil er den einrückenden Amerikanern aufgrund seiner Englischkenntnisse den Schneidermayer-Bauern, mit dem er bekannt war und bei dem er in den letzten Kriegsjahren verbotenerweise immer die feindlichen BBC-Nachrichten gehört hatte, empfehlen konnte. Ansonsten war Grendach wegen der beruflichen Verpflichtungen nur ein Feriendomizil, das aber regelmäßig jeden Sommer für zumindest einige Wochen aufgesucht wurde. Regelmäßig bestieg er dabei Staufen und Zwiesel oder durchschwamm bei jeder Witterung von Mauerham aus den See. Vor allem war Grendach während der Anwesenheit der Familie Sattler immer so etwas wie ein kultureller Treffpunkt. Hier trafen sich Künstler aus der Umgebung, wie der Tachinger Dichter Eckhard Peterich, der Dirigent Eugen Jochum aus Wolkersdorf oder der Architekt und Erbauer des Salzburger Festspielhauses, Clemens Holzmeister. Zu den bekanntesten Persönlichkeiten, die durch diese Kontakte nach Taching am See kamen, dürften neben Romano Guardini vielleicht der damalige Kultusminister Alois Hundhammer, der erste BRD-Außenminister v. Brentano oder der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg zählen.

 

Die kulturelle Präsenz in Grendach dürfte auch für alle sechs Kinder der Familie Sattler von großem Einfluß gewesen sein, zumindest haben alle sechs einen beruflichen Bezug zu Kunst, Kultur oder Politik. Die Tochter Birgit Albrecht arbeitete als Bibliothekarin, die zweite Tochter, Monika Schätz als Buchhändlerin. Christoph Sattler trat als Architekt in München und Berlin in die Fußstapfen des Vaters, Florian Sattler arbeitete als Pressechef der Stadt München, Martin Sattler als Politologe in Mannheim und Stefan Sattler leitete die Kulturredaktion der Zeitschrift Focus. Das Anwesen in Grendach ist heute im Besitz einer Erbengemeinschaft der Kinder und wird von diesen auch noch genutzt.

 

Verfasst von Dr. Ludwig Haas 1999 für die Gemeindezeitung.