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Die Brüder Erich und Erwin von Kreibig

Eines der markantesten Häuser in der Umgebung Tenglings ist das heute im Besitz der Erwin-von-Kreibig-Stiftung befindliche Gebäude am Weinberg. Nicht nur die wunderschöne Aussicht, sondern auch die Gestaltung und Einfügung in die Landschaft machen das Gebäude zu etwas Besonderem. Hier lebte bis 1989 der Bildhauer Erich von Kreibig, den Tenglingern noch bestens bekannt, und - Ende der fünfziger Jahre - kurze Zeit auch sein Bruder Erwin, ein Maler und Zeichner. Die künstlerische Veranlagung hat sich auf das Haus übertragen. Ein Viertel seines Lebens verwendete Erich von Kreibig darauf, das Haus in seiner ursprünglichen Form umzubauen und zu einer Zeit, wo dies noch nicht recht üblich war, alte Baumaterialien und Einrichtungsgegenstände zu sammeln und zu verwenden.

 

Die Geschwister Amanda (1901), Erich (1903) und Erwin (1904) von Kreibig wurden Anfang des letzten Jahrhunderts im Münchner Künstlerstadtteil Schwabing geboren. Es dürfte eher die Schwabinger Szene, denn die Herkunft - der Vater Arthur von Kreibig war Mathematiker bei einer Bank - gewesen sein, die alle in ihrer Künstlerlaufbahn beeinflusste. Die zunächst erfolgreichste war dabei die ülteste Schwester Amanda, die schon als Fünfjührige ins Kinderballett des Königl. Hoftheaters aufgenommen wurde. Mit 16 Jahren tanzte sie zunächst im Hoftheater und nach dem 1.Weltkrieg im Nationaltheater, zwischen 1922 und 1931 arbeitete sie als Solotänzerin und Ballettmeisterin in Darmstadt, Braunschweig und zuletzt in Nürnberg. 30-jährig musste sie allerdings auf dem Höhepunkt ihrer Karriere - sie hatte zu der Zeit Angebote aus Berlin und Wien - diese wegen eines Sehnenbänderrisses frühzeitig beenden.

 

Die beiden Brüder Erwin und Erich hatten von Kindheit an ein enges Verhältnis. Der spätere Maler Erwin war dabei wohl der Unbändigere, wie sich schon aus Klosterinternat zeigte, in dem beide Brüder seit 1913 waren und aus dem er zweimal ausbüchste. Ab 1919 durchlief er eine Ausbildung zum Metallbildhauer und Ziseleur, ab 1921 war er an der Kunstgewerbeschule in der Klasse von Richard Riemerschmid. Er geriet zu der Zeit in die Schwabinger Künstlerszene, war Stammgast im legendären Lokal Simplicissimus bei der Wirtin Kathi Kobus, verkehrte mit Oscar Maria Graf und Joachim Ringelnatz.

 

Erich machte ab 1917 eine Lehre als Holzbildhauer an der Städtischen Gewerbeschule. Danach studierte er an der Akademie der Bildenden Künste. Seine Bildhauerlaufbahn begann durchaus erfolgversprechend, er gewann den ersten Preis beim Wettbewerb für ein Denkmal gefallener Kunststudenten und fertigte die Plastiken einer Siedlung im Stadtteil Neuhausen. 1922 gründeten die beiden Brüder eine eigene Kunstgewerbewerkstatt und hatten damit auch wirtschaftlichen Erfolg, unter anderem waren sie auf der Leipziger Messe vertreten und hatten Verbindungen bis New York. Ob es die Währungsreform war, die das Unternehmen 1923 scheitern ließ oder der Unwille, sich in ein geordnetes Bürgerleben einzufinden oder - am ehesten - der unkontrollierte Umgang mit Geld, mag dahingestellt sein. Jedenfalls lebten beide wohl beständig über ihre Verhältnisse, wobei sich für Erich später die Situation aufgrund seiner Heirat verbesserte. Über Erwin steht in der Biographie beispielsweise, dass er das ganze Honorar für die Ausstattung einer erfolgreichen Theaterinszenierung noch am selben Abend in Frankfurt verfeierte oder dass er auf dem Weg auf die Balearen das für den Erwerb eines kleinen Anwesens gedachte Geld schon im Hafen von Barcelona verspielte.

 

Nach dem Scheitern des Unternehmens konnte sich Erwin ausschließlich der freien Kunst widmen. Autodidaktisch brachte er sich Malerei, Zeichnen und Grafik bei und vor allem als Zeichner war er auch wirtschaftlich relativ erfolgreich, er arbeitete für so bekannte Zeitschriften wie die "Jugend" und den "Simplicissimus". Als Maler fand er Anerkennung durch Einladungen zu den Ausstellungen der "Neuen Secession" im Münchner Glaspalast, seine Arbeiten waren durchaus angesehen. Eine vierwöchige Kreibig-Ausstellung (auch mit Plastiken von Erich) wurde in der Presse gelobt. Dem künstlerischen Erfolg stand - und so blieb es auch künftig - allerdings kein finanzieller entgegen: Nach der Rückkehr der Ausstellung von einer Deutschlandtournee war kein einziges Bild verkauft.

 

Anfang der dreißiger Jahre wurde die finanzielle Situation immer schlechter (Zitat Erwin: "Der Gerichtsvollzieher, der diesen Monat dreimal bei mir war, hat nicht einmal die sämtlichen Bilder gepfändet, da er, wie er sagte, kaum die Versteigerungsspesen decken könne"). 1932 kommt so etwas wie eine Wende. Erich heiratet eine vermögende, deutschstämmige Südafrikanerin (die Familie besaß die größte Samenzucht des Landes) und zieht mit seiner Frau Lore in ihre Heimat. Erwin erhält ein Reisestipendium der Stadt München für einen Aufenthalt in Paris. Als er 1933 zurückkommt, hält ihn nichts mehr in München. Er geht nach Ibiza, kauft sich ein kleines Anwesen und führt dort ein einfaches Leben. 1936, mit Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges, muss er fluchtartig nach München zurückkehren. Hier gilt er inzwischen als "entarteter Künstler", seine Bilder werden in Sicherheit gebracht, er geht für die nächsten fünfzehn Jahre zu seiner Schwester nach San Remo.

 

Erst 1952 holt ihn sein Bruder Erich, dessen Frau 1950 gestorben war, wieder nach München zurück. Er beschickt noch einige Ausstellungen und 1961 wird er als erster Preisträger mit dem Schwabinger Kunstpreis für Malerei ausgezeichnet. In München bleibt er, bis er sein letztes Lebensjahr - er stirbt am 2. September 1961 - schon schwer erkrankt und mit einem Alkoholproblem, in Tengling am Weinberg verbringt.

 

Erich von Kreibig hatte das Anwesen am Weinberg 1957 für 17000 DM, aus heutiger Sicht gesehen natürlich sehr günstig, gekauft. Damals hatte aber niemand anderer Interesse (der Besitz musste nochmals ausgeschrieben werden, weil Nicht-Landwirte zu der Zeit eigentlich nicht mehr als vier Tagwerk Grund kaufen durften). Das Haus war in schlechtem Zustand, der Grund wegen der Hanglage schlecht zu bewirtschaften und die schöne Aussicht war seinerzeit schlichtweg noch nichts wert. Der Viehhändler Schönhuber aus Trostberg hatte Erich, der schon seit langem ein altes, allein gelegenes Bauernhaus suchte, auf den Weinberg aufmerksam gemacht. Die Entscheidung war, wie seine Lebensgefährtin Gertie Doepke berichtet, spontan. Am selben Tag ging es zur Besitzerin und zum Notar in Laufen.

 

Das Weinberg-Anwesen war bis 1963 (also auch noch nach dem Verkauf) von der Weinberger-Mutter Rosalie Wallner, ihrer verwitweten Tochter Katharina Kain und zwei Pflegekindern, Max Mandl und Monika Haidl bewohnt. Besitzerin war allerdings die Schwiegertochter Fanni Barth aus Oberroidham gewesen, die einen Weinberger-Sohn geheiratet hatte, der wiederum bald darauf gefallen war. Sie war nach dem Krieg nach Roidham zurückgegangen und hatte kein Interesse mehr an dem Anwesen. Erich von Kreibig hatte den Reiz des Hauses von Anfang an erkannt und es schon mit der Absicht gekauft, es in seiner alten Art wie ein Kunstwerk umzubauen und zu erhalten.

 

Bis es soweit war, vergingen allerdings über zwanzig Jahre beständiger Bautätigkeit und selbst bei seinem Tod war noch nicht alles fertiggestellt. Die ersten Umbaupläne hatte schon Erwin in seiner kurzen Zeit in Tengling gezeichnet, verwirklicht wurden aber keine Pläne, sondern die spontanen Einfälle von Erich. Der ganze Umbau war eine aufwendige Spielerei mit ständigen Umplanungen und neuen An- und Umbauten, bei der er seine Liebe zum Einbau alter Materialien, die er in jahrelanger Arbeit gesammelt hatte, ausleben konnte. Das ganze Haus wurde ausgehöhlt, der Keller per Hand ausgegraben und als er fertig war mit der Absicht ein Schwimmbad zu bauen noch tiefer gelegt. Marmor kam aus dem Abriss des Schlachthauses in Laufen, der Kachelofen aus Südtirol, alte Steinplatten aus einer Kapelle bei Waldkraiburg, Eichenbohlen für den Boden aus Waging, der Getreidekasten für das Zuhaus im Nordosten wurde mit einem Tieflader aus Gansfelden bei Palling gebracht, ein zweiter aus Moosen bei Törring. Von alten Steintrögen, Türen, Beschlägen, Möbeln bis zu Grabkreuzen wurde alles gesammelt, was alt und schön war, einiges von diesen alten Sachen lagert heute noch am Weinberg. Auf der Dauerbaustelle gearbeitet haben vor allem junge Burschen und Handwerker aus der Nachbarschaft und aus Tengling, nicht schlecht bezahlt und unter der beständigen Anleitung von Erich von Kreibig, der seine Vorstellungen genau verwirklicht haben wollte und, wenn es ihm in den Sinn kam, das am Vortag fertiggestellte am nächsten Tag wieder umbaute. Mit dem Schwimmbad im Keller wurde es allerdings nichts, dafür wurde später die Holzlege hinter dem Haus umgewandelt, so dass er die letzten fünf Lebensjahre tatsächlich noch am Weinberg schwimmen gehen konnte.

 

Am Weinberg wurde allerdings nicht nur gearbeitet, sondern auch gefeiert: der 80. und 85.Geburtstag waren Großereignisse mit der Tenglinger Blasmusik und Gästen aus nah und fern. Neben dem Umbau des Hauses, das er im Lauf der Jahre in ein Kleinod verwandelte, war der Inhalt des späteren Lebens von Erich von Kreibig die Pflege des künstlerischen Andenkens seines Bruders Erwin. Er organisierte eine Ausstellung im Münchner Stadtmuseum und gab die Biographie "Erwin von Kreibig - Leben und Werk" heraus. Neben dem Weinberg besaß er ein Mietshaus in Nymphenburg und einen Teil des Südlichen Schlossrondells. Diesen Besitz führte er in die "Erwin-von-Kreibig-Stiftung" über, die kurz vor seinem Tod genehmigt wurde. Von dieser Stiftung wurde im Schlossrondell das Erwin-von-Kreibig-Museum gebaut und eingerichtet, in dem heute neben wechselnden Ausstellungen die im Stiftungsbesitz befindlichen Bilder Erwins ausgestellt werden. Der Weinberg selbst ist seit dem Tod Erichs 1989 nicht mehr bewohnt.

 

Das Erwin von Kreibig-Museum im Südlichen Schlossrondell l, München-Nymphenburg (Tel. 089/ 1781169) ist Di, Mi, Do, Sa und So von 14 - 17 Uhr geöffnet.

 

An Literatur gibt es die 1983 von Erich von Kreibig und Christoph Stölzl herausgegebene Biographie "Erwin von Kreibig - Leben und Werk" mit dem Abdruck sehr vieler Bilder Erwins und ein kleines Büchlein von Gertie Döpke, der Lebensgefährtin Erichs ("Erich von Kreibig und der Weinberg", 1991). Für das Bayerische Femsehen wurde eine Dokumentation über "Die drei Kreibigs" gedreht.

 

Dieser Text wurde von Dr. Ludwig Haas für die Gemeindezeitung geschrieben.