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Romano Guardini in Grendach

Grendach oberhalb von Mauerham zwischen Taching am See und Tengling dürfte einer der schönstgelegenen Flecken in unserer Gemeinde sein. Einmalig ist der Ausblick nach Süden über die beiden Seen, das hügelige Voralpenland und die Bergkette. Im Sommer erinnert dieser Blick fast an Italien, an die Toscana oder Umbrien. Dieser "italienische" Eindruck war mit auslösend dafür, daß der Architekt Dieter Sattler und seine Frau Maria im Jahr 1932  das Anwesen kauften, umbauten und einen Großteil ihrer Zeit hier verbrachten.

 

Dieter Sattler, vor dem Krieg Architekt, nach 1945 unter anderem Staatssekretär "für die schönen Künste" im Kultusministerium unter Hundhammer, später Kulturattache´ an der deutschen Botschaft in Rom, hatte einen bedeutenden und inzwischen weltberühmten Bekannten: den Priester, Religionsphilosophen und Theologieprofessor Romano Guardini. Guardini ist einerseits bekannt geworden durch seine Schriften, Bücher und Vorlesungen, war andererseits von Einfluß auf die katholische Jugendbewegung zwischen den Weltkriegen, Vorreiter für eine volksnähere Kirche und die Liturgiereform und einer der stillen Wegbereiter der Reformen des 2.Vatikanischen Konzils. Diese bedeutende Persönlichkeit verbrachte, vorrangig zwischen 1932 und 1938, viel Zeit in der Gegend um den Waginger See, bedingt durch die Bekanntschaft einerseits mit dem Dirigenten Eugen Jochum in Wolkersdorf, andererseits mit der Familie Sattler. Zu Grendach hatte Guardini, selbst italienischer Abstammung, eine sehr enge Beziehung, er nahm hier regelmäßig Sommeraufenthalte, hatte sein eigenes Zimmer und arbeitete hier. Am Mühlberg und in St. Coloman bei Tengling las er auch öfter die Messe.

 

Kennengelernt hatten sich Guardini und die Familie Sattler Anfang der Dreißiger Jahre in Berlin. Guardini war Studentenseelsorger, Dieter Sattler baute die Benedikt-Kapelle in Charlottenburg, in der die sonntäglichen Studentengottesdienste abgehalten wurden, aus. Der Architekt wollte sich in Baugeschichte habilitieren, das Vorhaben zerschlug sich aber, weil sein Professor wegen seiner jüdischen Herkunft emigrieren musste. Guardini war bereits seit 1923 Professor für "Religionsphilosophie und katholische Weltanschauung". In Berlin gelitten, aber nach der braunen Machtübernahme nicht mehr willkommen und ab 1939 auf Druck der Nationalsozialisten hin "frühpensioniert" und mit Veröffentlichungsverbot versehen, verbrachte er die Sommermonate wohl schon deshalb gerne in Grendach, weil er hier unbehelligt von den politischen Wirren in der Hauptstadt arbeiten konnte.

 

Der Professor hatte zwangsläufig eine enge Beziehung zur Familie und zu den Sattlerkindern. Christoph Sattler ist sein Patenkind, er heißt mit Zweitnamen "Romano". Monika Schaetz, zweitälteste der Geschwister und als "Sommerkind" in Grendach geboren, beschreibt ihn als liebevollen und freundlichen Großvaterersatz. Einerseits war der berühmte Mann zwar leise und schüchtern, arbeitete lange und konzentriert an seinem Schreibtisch, hatte aber andererseits auch viel Spaß an den Kindern. Beeinflusst und geprägt wurden die Kinder auf alle Fälle durch die geistige Atmosphäre, die fast allabendlichen Disjussionen, zu denen sich der Bekanntenkreis traf. Monika erinnert sich an Gottesdienste, die während des Krieges im Haus in deutscher Sprache abgehalten wurden, was zu der Zeit fast noch ketzerisch war.

 

Hochinteressant sind die Tagebücher, in denen Dieter Sattler über Jahre hinweg täglich die wichtigen Ereignisse vermerkt hat. Im August 1937 kann man zum Beispiel über die Unternehmungen und Privatvorlesungen Guardinis lesen:

 

1.8. Sonntag. Den ganzen Tag Regen. 10 h Waging, dann Frühstück in Horn. 1 h Romano und Rolf Amann gekommen. Gelesen über den neuzeitlichen Begriff der Natur - Kultur - Persönlichkeit.
3.8. Jochums mit Guardini in Salzburg. Nachmittag Walter Furtwängler. Gelesen wie Sonntags mit Debatte.
13.8. Gelesen christl. Bewußtsein.
15.8. Offenbarung fertig gelesen.
17.8. Romano abgefahren über Altötting - Landshut - Würzburg.

 

Am Abfahrtstag hat sich Guardini dann mit Unterschrift im Gästebuch verabschiedet.

 

In der Kriegszeit blieb der Kontakt zwar bestehen, es blieb aber bei Kurzbesuchen, weil Guardini sein Domizil bei einem Pfarrer in Mooshausen in Baden-Württemberg gefunden hatte. Er war aber zum Beispiel in Taching am See, als die Gestapo 1939 Rothenfels, das Zentrum der katholischen Jugendbewegung, durchsuchte. Guardini leitete das Zentrum und wurde vor der Durchsuchung in Grendach erreicht, belastendes Material konnte so noch beseitigt werden. Für die Zeit während des Krieges schreibt Guardini selbst: " Im Sommer 1943 war ich in Grendach, da kam die Aufforderung vom Reichsminister Goebbels an die in Berlin Nicht-Notwendigen, wegzugehen...Wieder brach ich meine Lebens- und Arbeitsform ab, und ging ins Ungewisse, diesmal besonders fühlbar, weil es den Verlust von Haus und Heim mit sich brachte. Erst schien es, als ob ich in Grendach bleiben sollte, dann wünschten meine Freunde in Mooshausen, ich sollte zu ihnen kommen, und es sprach so vieles dafür, daß ich es tat."

 

Nach dem Krieg kam Guardini zwar immer wieder nach Grendach zu Besuch, meist aber nur tageweise. Er wohnte seit 1948 in München. Dieter Sattler hatte als Staatssekretär erreicht, daß der ursprüngliche Berliner Lehrstuhl in München wieder eingerichtet und mit Guardini besetzt wurde.

 

Die Familie Sattler wohnte ab 1951 auch wieder vorrangig in München. Monika, die eine Buchhändlerausbildung absolvierte, erzählt vom Besuch der öffentlichen Vorlesungen in der Universität oder von den Predigten in der Ludwigskirche, beides gesellschaftliche Großereignisse in der Nachkriegszeit mit mehreren hundert Zuhörern. Danach traf man sich manchmal noch in privatem Rahmen, redete über Gott und die Welt oder besichtigte seine umfangreiche Bibliothek, eine bleibende Erinnerung für die Bücherfreundin. Zu Weihnachten bekamen die Kinder immer Bücher mit Widmungen.

 

Der Kontakt blieb auch über eine zweite Verbindung bestehen: Maria Parzinger, die aus Taching am See stammende Haushälterin Guardinis nach dem Krieg in München. Die "Ersatztante" der Sattlerkinder war seit 1933 bei der Familie Sattler in Grendach angestellt, war Guardini daher natürlich bekannt und wurde von ihm 1948 als Haushälterin übernommen.  Sie war eine der Voraussetzungen dafür, daß Guardini den neugeschaffenen Münchner Lehrstuhl annahm, brauchte er in der Stadt doch gewohnte und ordentliche Betreuung. So schrieb er am 20. Januar 1948 aus Tübingen:

 

Liebes Fräulein Mari!

 

Leider weiß ich Ihren Nachnamen nicht, so muß ich Sie so nennen, wie ich es immer in Grendach getan habe. Vor einiger Zeit sagte mir Frau Maria Stapp, daß sie gern meinen Haushalt übernehmen würden. Darüber habe ich mich sehr gefreut, aber erst mußte ich natürlich wissen, was Frau Sattler dazu meint. So habe ich an sie geschrieben und sie hat sehr freundlich erwidert, daß sie nichts dagegen habe. Ich möchte Ihnen also sagen, daß ich Ihnen meinen Haushalt sehr gern anvertrauen will...

 

Maria Parzinger betreute Guardini bis zu seinem Tod am 1.10.1968. Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester M. Hedwigis Parzinger vom Orden des Hl. Vinzenz von Paul pflegte sie ihn während seiner letzten Krankheit. In der Internationalen Katholischen Zeitschrift, 22, 1993 schreibt Walter Baier über Maria: "Völlig beruhigt, klar und gefestigt, und ohne jede Sentimentalität war ihre Schilderung um die letzten Stunden Guardinis, in denen er vor dem Hinscheiden noch gemeinsam den Rosenkranz beten ließ."

 

Maria Parzinger, die selbst am 25.1.1990 verstarb, blieb nach Guardinis Tod zunächst für vier Jahre bei Maria Schiedges, der Mutter Maria Sattlers, danach bis 1973 bei Maria Sattler selbst, bevor sie wieder nach Taching am See zurückkam. Aus dem Brief von 1948 an sie läßt sich wohl auch folgern, was Guardini in Grendach gefiel: "Das Leben der Grendacher Familie, das schöne freie Land und noch manches andere".

 

Geschrieben von Dr. Ludwig Haas für die Gemeindezeitung 1998.