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St. Coloman bei Tengling

St. Coloman ist mit seiner erhöhten Lage am nördlichen Ende des Tachinger See und dem Blick auf die Chiemgauer Bergkette eine der am schönsten situierten Kirchen im Rupertiwinkel. Zudem findet sich hier auch noch der einzig vollständig erhaltene und damit kunsthistorisch bedeutsame spätgotische Flügelaltar in dieser Gegend. Das am Benedikt-Radweg einen Kilometer östlich von Tengling gelegene St. Coloman ist also auf jeden Fall einen Abstecher wert – besichtigen kann man es allerdings nur bei Veranstaltungen oder wenn die daneben wohnende Mesnerin zu Hause ist.

 

St. Coloman, dem in unserer Gegend einige vor allem kleinere Kirchen und Kapellen geweiht sind, hatte im ländlichen Volksglauben eine tief verwurzelte Bedeutung als Viehpatron. Angerufen wird er aber auch gegen Krankheiten, bei Gewittern und bei übler Nachrede. Auf einem Gemälde an der südlichen Chorwand ist der Lebenslauf des Heiligen dargestellt. Ein Heiligenschein fehlt im Übrigen auf den Abbildungen, weil er als "Volksheiliger" von der Kirche nicht kanonisiert wurde. Von der Wallfahrt nach St. Coloman zeugen die vielen Votivtafeln, die früher in der Kirche hingen. Im Jahre 1646 schenkte der Kommunrichter Schmerold eine auf 10 Gulden geschätzte "Khue" (Kuh) zur Kirche Coloman, andere beschieden sich mit wächsernen Rößlein, Kälbern und anderem. Auch ein österlicher Umritt führte früher nach St. Coloman. Im 18. Jahrhundert dürfte die Wallfahrt eingeschlafen sein. Das Kirchlein verlor so zwar an Bedeutung, hat diesem Verlust aber zu verdanken, dass die Ausstattung im Wesentlichen unverändert blieb.

 

Ein Protokoll im Turmkopf vom 26.9.1826 sagt: "Diese Kirche St. Coloman, eine Filiale von Tengling, wurde nach 1421, wo Alt-Törring bei Haus durch Feindeshaus zerstört wurde, aus den dortigen Steinen erbaut. Später soll auch der Altar der dortigen Schloßkapelle nach Coloman übersetzt worden sein". Genauer datieren lassen dürfte sich die Bauphase anhand der Inschrift des einem der Stifter gewidmeten Fensters an der Nordseite des Altarraums: "Georgius Stroppl, korher zu ysen und pfarer zu Wäging 1503". Die Kirche wird also etwa um 1500 herum errichtet worden sein, und dass Baumaterial aus der nicht weit entfernt gelegenen, geschleiften Törringer Stammburg verwendet wurde, ist gut möglich.

 

Die Kirche St. Coloman war herrschaftliches Eigentum und Eigenkirche der Grafen von Törring mit dem Stammsitz im Nachbardorf. Erst 1870 verzichtete die Gräfliche Törringsche Herrschaft auf diese Rechte; seitdem ist die Kirchenstiftung die Eigentümerin.Erbauer war Seyfried („Seitz“) von Törring-Seefeld; an ihn und seine Gemahlin erinnern die Glasfenster an der Südseite des Altarraumes. Bei einer Pflastererneuerung im Jahr 1864 wurde unter der Empore die Grundmauer eines Rondells mit einem Durchmesser von ca. 2 m aufgedeckt, so dass anzunehmen ist, dass an dieser Stelle bereits ein Vorgängerbau stand.

 

Die 22 Meter lange, einschiffige Kirche war im - zumindest in den ländlichen Gegenden nördlich der Alpen zu dieser Zeit noch vorherrschenden – spätgotischen Stil errichtet worden. In der Rokokozeit wurde sie umgebaut: das Presbyterium bekam ein Rundbogengewölbe, die alten Fenster wurden durch sogenannte "Ochsenaugen" ersetzt, das gotische Portal, dessen Bogenabschluß unter dem Dach zu sehen ist, wurde vermauert und mit der Sakristei unter ein Pultdach gebracht. Im Original erhalten sind aber noch die gotischen Türbänder und Beschläge der Kirchentüre, eine Beachtung der damaligen Handwerkskunst sollte man deshalb schon beim Betreten nicht versäumen. Im Außenbereich rechts vom Eingang ist ein zeitgenössisches Werk zu sehen: das mannshohe Kruzifix stammt vom Kirchanschöringer Bildhauer Georg Winkler.

 

1885 schlug der Blitz in die Kirche ein und beschädigte das Rokokogewölbe im Altarraum, so dass es abgetragen werden musste. An seine Stelle kam ein neues, hölzernes (!) gotisches Gewölbe, ein Werk des Zimmermanns Florian Seidl aus Gessenhausen. Auch durch einen gleichzeitig eingefügten spitzbogigen Mauergurt zwischen Langhaus und Altarraum und die Form der Fenster wurde die Kirche wieder der Bauepoche angepasst. 1682 hatte der Kommunrichter Eckmüller einen Turm errichten und decken lassen; an seine Stelle trat 1878 das jetzige Spitztürmchen, verfertigt von Zimmerermeister Niederwinkler aus Waging. Die kleinere Glocke stammt aus dem Jahre 1531, die größere von 1745; sie musste im letzten Krieg abgeliefert werden, kehrte aber unversehrt zurück.

 

Von kunsthistorischer Bedeutung ist der spätgotische Altar, auf dessen Rückseite das Jahr 1515 angegeben ist. Er stammt aus der Werkstatt des Laufener Malers und Bildhauers Gordian Guckh, der zeitweise auch Bürgermeister und Kirchenpfleger in der Salzachstadt war. Im Gegensatz zum zur selben Zeit gefertigten Altar von St. Leonhard am Wonneberg, wo einige Tafeln in den neugotischen Altar integriert sind, ist der Altar von St. Coloman noch vollständig erhalten und damit in unserer Gegend einmalig. Das teils geschnitzte, teils bemalte Werk ist als sogenannter Umgangsaltar auch an der Rückseite bemalt, die Altarflügel haben wie damals üblich eine Feiertags- und eine Werktagsseite.

 

Ebenso bedeutend sind die bereits erwähnten Glasmalereien der Fenster im Chor, auch sie sind die einzig erhaltenen vergleichbaren Werke aus dieser Zeit im Rupertiwinkel. Das untere, 1503 datierte Nordfenster zeigt eine fein gezeichnete, farblich abgestimmte Maria mit Kind, die auf den Stifter "Georgius Stroppl, korher zu ysen und pfarer zu Wäging" herabblickt. Vielleicht noch etwas älter sind die jeweils oben gelegenen, mit Rankenmalereien versehenen Fenster. Das südliche Fenster zeigt den Erbauer Seitz III. und seine Gemahlin Dorothea von Losenstein

 

Interessant sind auch die beiden geschnitzten Heiligenfiguren im Chor. Die Figur des Heiligen Vitus stammt wohl aus einem ursprünglich vorhandenen Seitenaltar, gewidmet zunächst dem Johannes und später dem Hl. Vitus - ein bei den Törringer häufig zu findender Name. Die Figur an der Nordseite zeigt den Heiligen Paulus. Die 14 Kreuzwegreliefs im Langbau sind zwar nicht so alt, sondern erst Ende des 19. Jahrhunderts gefertigt worden. Ihre Besonderheit ist das Material. Sie sind aus Eisen und wurden im Achthal gegossen. Auf keinen Fall übersehen sollte man beim Verlassen der Kirche das Bild rechts von der Türe: es ist das älteste im Bereich Tengling erhaltene Votivbild und wurde im Jahr 1626 von der Zollner-Familie aus Gessenhausen gestiftet.

 

Diese Zusammenfassung wurde von Dr. Ludwig Haas auf Grundlage des Führers „Die Kirchen der alten Pfarrei Tengling“ von Siegfried Müller verfasst. Dieser Führer, in dem eine genaue Beschreibung des Altars und detaillierte Darstellungen auch der anderen Tenglinger Kirchen enthalten sind, ist unter anderem beim Tenglinger Bäcker erhältlich. Weitere Informationen stammen aus dem Artikel „Die Ausstattung der Kirchen“ von Yvonne Schmidt im Heimatbuch des Landkreises Traunstein, V. Der nördliche Rupertiwinkel.